Die letzten 6 Jahre

In den letzten 6 Jahren änderte sich zwei mal mein Leben, je einmal negativ und ein mal positiv.

Genau heute morgen vor 6 Jahren bekam ich total unvorbereitet auf der Arbeit einen Anruf.
Einen Anruf, der mir den Boden unter den Füssen wegzog und mein Leben von einer Minute zur anderen in total andere Bahnen lenkte.

Mein Vati war vollkommen überraschend von jetzt auf nachher verstorben. Herzinfarkt.
Es gibt ein bekanntes Lied von Udo Jürgens…..mit 66 Jahren fängt das Leben an. Das meines Vatis wurde mit 66 beendet.
Nichtraucher, Nichttrinker, Hobbysportler, gesund und mitten im Leben. Einfach so, auf der Treppe umgefallen und tot.
Zuvor und danach war ich noch nie so, wie soll man es sagen, unten?, betroffen?, erschüttert wie an diesem Tag und der langen Zeit die danach folgte.

Ich erinnere mich noch wie heute.
Das Wochenende zuvor trafen wir uns. Unsere kleine Familie, Mutter, Vater naja und ich nicht mehr Kind. Es war so heiss wie die letzten zwei Tage jetzt, wir waren zum Badessee gefahren.

Haben Pläne geschmiedet, uns amüsiert über andere Gäste dort…………ja, wir beide hatten den gleichen Sinn für Humor, konnten über die gleichen Filme lachen, hatten immer Gesprächsstoff und endlose Diskussionen über Gott und die Welt und fast identische Hobbys.

Dabei hatten wir natürlich auch unzählige male gegenseitige Ansichten und einer versuchte dem anderen seine Meinung aufzudrücken. Wir hätten einen Debattierclub gründen können………
Meine Mom war immer die, die sich um unser Wohl sorgte, uns bemutterte und ausserdem glücklich war, dass wir beide nach einer Zeit, als es nicht so war, uns wieder zusammengerauft hatten.

Klar war das nicht immer so. ich sag mal, während meiner Teenager Zeit war ich nicht gerade das was man ein folgsames KInd nennt und ich bekam oft die große Strenge meines Vaters zu spüren. Nicht in Form von Schlägen. das tat er nie, obwohl mir ein paar hinter die Backen sicher ab und an gut getan hätte.

Ich war immer die aus dem Freundeskreis die Abends zuerst die Segel streichen musste um nach Hause zu kommen. Ich war die, die noch ganz lange mit den Eltern in den Urlaub fahren musste. Jahre später war es eine Freude für mich mit meinen Eltern auch mal gemeinsam paar Tage weg zu fahren.

Ich war die, die immer am spätesten zum speieln, oder später zum abhängen mit der Clicke kommen durfte. Weil für meinen Vati meine Pflichten, wie meine schulischen Leistungen an erster Stelle standen. Ich sah das natürlich damals total anders. Ich dachte oftmals……warum werde ich so bestraft?

Was habe ich die Worte……….erst kommt die Schule, dann dein Vergnügen, gehasst. Immer wieder die Worte.werde doch mal vernünftig. Das Wort vernünftig zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich bin mir sicher, wenn wir die Chance bekommen hätten uns zu verabschieden., er hätte gesagt……bleib vernünftig.
Und immer wieder der Spruch……..du wirst dich eines Tages ärgern!

Jahre später, viele Jahre, habe ich registriert, er hatte Recht. Nicht das ich eine Vollniete war. Ich habe einen Beruf gelernt, stehe in Lohn und Brot, auch wenn es nicht viel Brot ist……..aber ich komme zurecht.
Und doch, ich hätte mehr daraus machen können.

Leider hatte ich nie die Gelegenheit ihm das zu sagen…….zu spät.

Töchter ziehen dann aus ( ich war 22 Jahre) und merken dann………..mhhhh fehlt was. So rauften wir beide uns Stück für Stück wieder zusammen. Wir zwei sind Skorpione, sein Geburtstag war 3 Tage vor meinem, wir waren zwei echte Dickschädel und es gab Zeiten da war nur meine Mom unser Bindeglied.

Die folgenden zwei Jahre nach seinem Tot, litt ich ungemein. Nichts machte mehr Freude.
Ich sah mich verpflichtet meiner Mom nun in allen Belangen bei zustehen und vergass dabei vollkommen mein eigenes Leben. Jetzt, meine Mom kommt so gut zurecht……….sie reist, sie hat einen großen Freundes und Bekanntenkreis, viele Geschwister die mit ihr was unternehmen. Aber sie sieht in mir immer noch die Person non plus ultra………die so zusagen die letzt entgültigen Entscheidungen zu treffen hat, was zuvor mein Vati gemacht hatte. Naja, so wie die ältere Generation meist war.

Über zwei Jahre plätscherte mein Leben dahin, ich fühlte mich leer innerlich, ich funktionierte nur noch, aber ich lebte nicht.
Jede Woche war ich am Grab meines Vaters und es gab Zeiten da war ich sauer auf ihn.
Ist blöd, ich weiss, aber ich fühlte so.

Niemals dachte ich damals, dass ich wieder normal ticken würde. Ich war in meinem Umfeld damals die, die ale erste ein Elternteil verloren hatte und Worte wie…………das Leben geht weiter, Zeit heilt alle Wunden und so was glaubte ich keinem.
Zu tief saß mein Schmerz und ich dachte, was redet ihr alle, ihr habt ja keine Ahnung.

2 Jahre und ein paar Monate später flog ich nach Nepal und traf dort den Menschen der mir das Leben wieder schenkte.
Mero Shriman.
Wieder stülpte sich mein Leben total auf den Kopf. Nur diesmal war es erfreulicher, wenn auch wir ein paar harte Brocken überwinden mussten und immer noch überwinden müssen.

Durch ihn lernte ich mein Leben wieder zu lieben, Spass zu haben, zu lachen und all solche Dinge.
Er wusste das natürlich nicht, denn am Anfang unsere Beziehung hatte ich wenig von meinem Vater erzählt.
Als er hier war, sind wir gemeinsam zu seinem Grab gegangen.
Danach fragte er so viel über meinen Vater und meine Gefühle.

Nepalesen, oder Hindus allgemein gehen anders mit dem Tot um. Sie sind auch traurig, aber sie glauben daran das die Seele wieder geboren wird. Was sie verbrennen, oder wie die Rai vergraben, sind nur tote Hüllen. So sagt mero Shriman immer, wenn wir in Pashupatinath sind (die Verbrennungsstätten der Hindus in Nepal), die toten Körper werden hier verbrannt. Er spricht nie von toten Menschen, sondern nur von den Körpern.

Mero Shriman ist nicht so extrem gläubig, oder lebt streng nach hinduistischen Riten, aber an grundliegende Dinge glaubt er. Auch wenn er das nicht immer so wahr haben möchte, oder mir gegenüber praktiziert.

So hatte sich einmal ein Falter in meiner Wohnung verirrt. Den wollte ich los werden.
Ich bewaffnte mich mit dem Staubsauger um ihn quasi von der Zimmerdecke zu saugen. Das veranlasste mero Shriman mich völlig entgeistert zu fragen was ich da mache.

Nein!!!!! Um Gottes Willen ( hat er natürlich nicht so gesagt) das ist Leben. das darfst du nicht töten.
Es könnte deine Oma, Opa oder auch Vater sein.

Ich konnte es kaum glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte…………er hielt seine Hand ganz in die Nähe des Falters und der flatterte ganz entspannt in mero Shrimans Hände.
Und nun? Fragte ich.

Naja raus in die Freiheit. So ging er auf den Balkon und kam aber sofort wieder zurück. Da sind 20 Grad Minus, da stirbt er.
Also mal ehrlich, mir war der Falter egal.
Da fiel mir aber ein was mein Vater immer sagte………….Natur ist das einzig echte und wahre im Leben, Natur kann man nicht ändern, oder manipulieren.
Und Natur ist es, wenn ein Falter draussen rumflattert und nicht in der Wohnung.

So bin ich jetzt wieder bei meinem Vati gelandet.

Heute 6 Jahre später hat wirklich die Zeit die Wunden geheilt.
Vergessen tu ich ihn nie und ab und an verdrücke ich auch mal eine Träne.
Ich bin glücklich über die schöne gemeinsame Zeit die ich haben durfte und denke oft an ihn. Er fehlt mir auch, aber es ist nicht mehr so, dass nur der Gedanke an ihn den einzigen Vorang in meinem Leben hat.
Es gibt Tage, da ist er so gar nicht in meinem Kopf.
Ich hoffe das ist normal?

Ich hatte Glück im Leben, eine wunderbare Kindheit zu haben und liebevolle Eltern. Und wo immer er jetzt ist………….Danke dir.

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