Die Last in Nepal eine Frau zu sein

Es ist schon eine Woche her, aber heute will ich endlich darüber berichten.
Vielleicht erinnert sich noch einer der Leser an meine Freundin Sajana, mit der ich einst in Kathmandu die Schulbank zum Auffrischen der englischen Sprache, gedrückt habe? Sie ist mir eine gute Freundin geworden und so oft ich in Nepal war haben wir uns immer getroffen. Sajana gehört zur Newar Kaste, was die ersten Bewohner des kathmandu Tales waren. Noch heute sind die Newar ein traditionelles Volk, tief verwurzelt in ihrer Religion und ihren Traditionen.

Die Newar gehören einer höheren Kaste an, auch wenn das Kastensystem in Nepal per Gesetz abgeschafft ist, ist es immer noch extrem verankert in den Köpfen der Nepalesen. Sajanas Familie gehört dem unteren Mittelstand an, die Eltern besitzen ein kleines Haus in der Nähe Swayamunaths. Ihre Eltern lernte ich als fortschrittliche Menschen kennen, die durchaus interessiert waren das auch ihre Töchter eine gute Schulbildung erhalten. Jedoch trotzdem bedacht sind das ihre Lebensweise geachtet, respektiert und auch gelebt wird. Sajana hat 3 Schwestern, wovon eine in England lebt und einen Bruder. Sie war die letzte Tochter die noch nicht verheiratet war. Mit fast 30 Jahren schon ein No go in Nepal.

Hier ist es so, dass noch immer stark darauf geachtet wird, was wohl die Familie, Bekannte und Nachbarn sagen, man möchte schließlich immer ein wertvolles, geachtetes Mitglied der Gemeinde sein. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
Sajana ist, wie wir so sagen würden, eine Power Frau, mit einem durchaus kleinen Dickkopf. Wie oft habe ich mich amüsiert wenn sie, in einer charmanten Art und Weise, aber auch mit Durchsetzungsvermögen, den Männern die Stirn geboten hat. Ich nehme mal an nach meinen Erfahrungen hier, viele potentielle Heiratskandidaten schreckt in Nepal so was noch immer ab. Auch wenn sie ein wunderschönes Mädel ist.

Auch wenn die jungen Leute hier Stück für Stück sich mehr Freiheiten erobern und bei vielen eine Liebes Heirat angestrebt wird, ist prozentual gesehen die arrangierte Ehe noch immer oberstes Gebot, gerade bei der älteren Generation. Erschreckend für mich: so viele Frauen kenne ich, mit denen ich mich unterhalten habe, die auch jetzt noch großes Vertrauen in ihre Eltern im Besonderen den Vater setzten, einen richtigen Partner für sie zu finden. In ihren Köpfen immer noch vorherrschend, lieber eine geachtete verheiratete Frau mit wem auch immer, als Solo auf ewig mit schiefen Blicken angesehen zu werden und bei den Eltern zu leben. Wie bei uns allein in einer Wohnung ist in Nepal, auch wenn es finanziell gehen würde, ist noch immer nicht möglich. Gerade als Frau.

Sajana war nie so. In vielen Gesprächen versuchte sie mir zu verklickern, doch gern solch ein Leben zu führen wie mir es möglich war. Oft hatte ich dabei ein schlechtes Gewissen. Ich kenne die Lebensweisen hier sehr gut und wusste ich tu ihr keinen Gefallen damit ihr von meinen Freiheiten in meiner Heimat vor zu schwärmen. Auch wenn es mir für sie sehr leid tat. Sie muss hier leben und sie muss sich damit arrangieren. Einst hatte ihr Vater, als sie 25 war, ihr ein Mann ausgesucht. Sajana lehnte ab. Und da auch ihre Eltern sie sehr lieben, akzeptierten sie schweren Herzens. Sie ist Lehrerin für Englisch in einer Privatschule. Engagiert sich für Umweltschutz und Straßenkinder. Einst cancelte sie ihren Job und unterrichtete Straßenkinder in lesen und schreiben unterstützt von einer privaten nepalesischen Initiative.

Vor einem Jahr etwa schrieb sie mir: ich werde heiraten. Ich war in Deutschland damals und hoffte inständig sie hatte die Chance auf eine Liebesheirat und konnte sich ihren Partner selbst aussuchen. Ein paar Wochen später war alles abgeblasen. Warum erfuhr ich nie.
Als ich jetzt in Nepal landete schrieb sie mir: ich bin so froh das du da bist. Ich werde heiraten.
Newar Hochzeiten gehen fast 2 Wochen. Es werden verschiedene Pujas (religiöse Zeremonien) abgehalten. Erst im Haus des Ehemannes, in Tempeln und im Haus der Frau. Zwischendurch gibt es in einem Partypalast (ein großer Saal den man anmieten kann), eine riesen Party für alle Angehörigen, Bekannten und Freunde beider Familien. Wohl bemerkt sind sie an diesem Tag noch immer nicht verheiratet, es sind alles Vorfeiern. Der letzte Tag, bei der Puja im Haus der Familie der Frau ist der entscheidende Tag. Dann kommt ein Priester und verheiratet beide. Erst dann ist alles in Sack und Tüten.

Wir wurden zur Feier im Party Palast eingeladen und mussten leider absagen, da wir schon zu einer anderen Feier eingeladen waren. Berichte später darüber. Außerdem kamen an diesem Tag Gäste von uns an um die wir uns kümmern mussten. Job geht nun mal vor. Schweren Herzens sagte ich ab. Die Party umfasste übrigens an die 500 Leute.

Die Familie der Frau kommt bei einer Heirat für die Kosten auf. Schon wenn die Mädchen geboren werden fangen die Eltern an zu sparen für deren spätere Heirat. Sajanas Eltern mussten viel sparen bei 4 Mädels. Schon allein deswegen sind viele daran interessiert einen „reichen“ Partner für die Tochter zu finden. Sie überschulden sich auf Teufel komm raus, wenn es aus eigenen Mitteln nicht klappt. Wichtiger ist wirklich das Gesicht nicht zu verlieren und eine schöne angemessene Heirat zu ermöglichen. Was auch immer als angemessen gilt. Oft ist es auch so, dass die Eltern der Braut der Familie des Bräutigams eine; Mitgift zu übergeben. Und die ist auch nicht von schlechten Eltern. Im Gegenzug bekommt die Braut viel Goldschmuck von der Familie des Mannes. Sajana hatte an ihrem Hochzeitstag so viel Gold an sich, dass man denken musste, kann sie das alles tragen? Zusammen mit ihrem kostbaren, auch mit Goldfäden verzierten, roten Sari musste sie Unmengen an Gewicht schleppen.

Unser Sprichwort mehr Schein als Sein, findet hier mehr als Anwendung, denn jede nepalesische Familie ist darauf bedacht so groß es nur geht die Kinder zu verheiraten, auch wenn kaum einer sich das wirklich leisten kann. Aus diesem Grund ist es auch hier in Nepal oft so, dass Jungen eher erwünscht als Mädels sind. Wenn auch nicht so stark verankert wie in Indien, wo ganz viele weibliche Embryos getötet werden. In Nepal werden auch Ultraschall Untersuchungen durchgeführt für jede Schicht der Bevölkerung, aber es ist vom Gesetz her verboten den Frauen zu sagen ob es ein Junge oder Mädchen ist. Ob das natürlich immer eingehalten wird, wage ich zu bezweifeln. Mit Geld bekommt man sicher auch in Nepal die gewünschte Information. Für Familien der unteren Kasten, die meist auch am Rande der Existenz leben, ist dies eine der wichtigsten Erkenntnisse, denn Mädchen kosten viel Geld. Bildung muss bezahlt werden, sofern das möglich ist und bei einer späteren Heirat verlassen sie das Haus und sind nicht mehr zur finanziellen Unterstützung der Eltern da.
Ein trauriges Kapitel was sicher nie ein Ende finden wird.

Da wir an der Party nicht teilnehmen konnten, lud mich Sajana an ihrem wichtigsten Tag ihres Lebens ein. Ich durfte an der letzten entscheidenden Zeremonie im Haus ihrer Eltern teilnehmen, die eigentlich nur der engsten Familie beider Familien vorbehalten ist. Leider konnte Shriman nicht mitkommen, da er an diesem Tag sich auf in die Berge machte.
Kurz konnte ich Sjana, die ich über ein Jahr nicht gesehen hatte, allein sprechen. Natürlich war ich neugierig, konnte jedoch nicht damit ins Haus fallen sie gleich zu bequatschen: wolltest du ihn, oder solltest du ihn? Erst bei unserem kleinen Smal Talk konnte ich beginnen mir ein eigenes Bild zu machen.

Sie lernten sich vor ein paar Monaten kennen. Er entstammt der gleichen Kaste und ist Schwimmlehrer. Keine Schwärmereien, nur klare Antworten auf klare Fragen. Das hat aber nicht viel zu sagen. Nepalesen halten sich mit Äußerungen über Gefühle sehr zurück. Das kommt jedoch später im weiteren Gespräch. Auf meine Frage wie denn ihre zukünftige Familie ist in die sie einheiratet und wo sie fortan leben wird erzählte sie mir: ihr Vater in Law (Schwiegervater) ist schon verstorben. Ihr Mann hat noch Geschwister nicht verheiratet mit denen sie gemeinsam mit der Mutter in Law ihre Zukunft in einer Wohnung verbringen wird. Aus meinen Erfahrungen weiß ich, Sajana ist ab Einzug das unterste Mitglied der Familie. Ab jetzt steht sie unter der „Fuchtel“ ihres Mannes und ist er nicht im Haus unter der ihrer Schwiegermutter.

Und wie ist sie, deine Mutter in Law? Sajanas Antwort lies mich wieder darüber nachdenken was ihr vielleicht blühen würde: Bis jetzt ist sie ganz ok. Irgendwie fühlte ich ihre Angst vor einer ungewissen Zukunft und nahm sie erst mal in die Arme. Worauf sie mir erzählte: ich darf meinen Job weiter machen und auch das Geld was ich zur Hochzeit geschenkt bekomme darf ich behalten. Jedoch im gleichen Atemzug zu äußern, wenn mein Mann das Geld braucht gebe ich es ihm natürlich. Oh Mann, was bin ich glücklich in Deutschland geboren zu sein. Auch hier spricht man natürlich alles gemeinsam ab, vor allem größere Ausgaben, aber irgendwie ist es doch anders. Hier ist es so, dass die Eheleute keine gemeinsamen Geschenke bekommen, sondern jeder gibt aus den jeweiligen Familien und jeder Partner hat somit seine eigenen Geschenke. Was auch immer sie daraus machen.

Was für uns so selbstverständlich ist, wie unser eigenes Geld verdienen, arbeiten zu gehen, wenn wir möchten und nicht über jeden Cent Rechenschaft abzugeben, wie weit weg gerückt ist das in Nepal. Mir brannte die Frage so auf den Lippen: wolltest du ihn, oder hat dein Vater ihn ausgesucht? Ich stellte die Frage nicht, da ich es unpassend am Tage ihrer Zeremonie fand.
Aber ein Satz von ihr brachte mich zum Nachdenken:

Bleib bitte so lange du kannst heute bei mir, ich brauche einen Freund heute an meiner Seite!

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4 Antworten zu Die Last in Nepal eine Frau zu sein

  1. Wendy schreibt:

    Mh – vielleicht ist aber auch ihr verhalten positiver Eindruck von der Schwiegermutter ganz gut – drücken wir ihr mal alle die Daumen, daß aus der arrangierten Ehe doch eine glückliche wird.
    Bestimmt haben die Eltern von ihr Informationen eingeholt über die Familie des Ehemanns und vielleicht auch etwas Augenmerk darauf gerichtet, wie die Schwiegermutter so ist.
    Und wenn die Schwiegermutter jetzt letztlich auch eine „alleinstehende“ Frau ist, ist sie vielleicht ganz patent und freut sich über eine gebildete Schwiegertochter.
    Aber Du hast natürlich recht – es wäre schwer, so ein Leben mit unser sozialen Prägung zu vereinbaren. Ich denke, das kann man nur leben, wenn man dort geboren und aufgewachsen ist. Dann stellt man in den seltensten Fällen das System komplett in Frage.

    • 1basundhara schreibt:

      Du hast natürlich Recht, sie würde ihr System nie komplett in Frage stellen. Als fortschrittliche deutsche Frau hat man halt seine Probleme damit und es fällt mir oft schwer dies zu akzeptieren. Aber so ist es nun mal. LG

  2. Myriade schreibt:

    Traurig, aber es ist halt sehr schwer immer gegen den Strom zu schwimmen.

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